Wolfgang Max Faust

 

STICHWÖRTER

Stichwörter zu den neuen Bildern von Hans Brosch, das scheint einfach und ist doch – kaum begonnen – kompliziert, vertrackt, beunruhigend.

Das hängt nicht nur mit dem allgemeinen Problem zusammen, ob ein Bild (oder dessen Wahrnehmung) überhaupt in einem anderen Medium- der Sprache- vermittelt werden kann, sondern mit den Bildern von Hans Brosch selbst.

Auf faszinierend verunsichernde Weise ziehen sie die Deutung an und stoßen sie zugleich ab.Sie fordern zum Lesen heraus und verweigern zugleich die Entzifferung. Das Bild erscheint als ein Zwischenreich der Zeichen. Es wird zur Momentaufnahme in einem Prozeß, in dem die Spuren eines Vorher und möglichen Danach eingeschrieben sind. Die Spannung von Entwicklung und Fixierung, von Erinnern und Vergessen, von Prozeß und Statik erzeugt eine widersprüchliche Ausdrucksstrucktur, die sowohl Bejahung als auch Widerstand enthält. Das Bild ist Möglichkeitsform. Eine proteische Konfiguration, die sich nicht als verschlossene Einheit, sondern als mehrdeutige Vielheit zeigt.

Damit aber wird es zum Zentrum für ein Bündel von Perspektiven, die kaum auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt zu beziehen sind. Im Gegenteil.

Thematische Ortlosigkeit ist ein Prinzip dieser Bilder, sich entleerende Fülle, die die verschiedensten Aussagen anzieht und zugleich in Frage stellt. Greifen wir einige dieser Aussagen heraus, so wird das Spektrum sichtbar, das das einzelne Bild entwirft:

Als Malerei über die Möglichkeit von Malerei beziehen sich diese Arbeiten auf Geschichte und evozieren das Vor-Urteil, ob nicht heute jedes abstrakte Bild mit dem Makel des deja -vu behaftet ist.

Brosch widerspricht diesem Vor-Urteil, indem er seine gestischen Mitteilungen permanent über sich selbst (ihren Selbstausweis) hinaustreibt und in einem Bereich jenseits des Abstrakten führt. Linien, Formen und Farben finden kryptisch-fragmentarischen Figurationen, die ein assoziatives Benennen provozieren, ohne sich jedoch zum visuellen Begriff zu verfestigen.

Als Arbeit am Motiv sieht Brosch dieses Zeigen und Verbergen visueller Anspielungen. Ihr eiener Pol ist die Sehnsucht nach einem gleichsam bedeutungsfreien Selbstausdruck (geschichtsfern, subjektiv, anonym), ihr anderer ist das Repertoire vermittelter Chiffren und Zeichen. In dieses Repertoire dringen Wissen und Erfahrung, Anspielung und Zitat, Interpretation und Idiolekt. Emotion taucht auf, aber auch Ironie, Zweifel, Gleichgültigkeit.

Lustvolle Selbstbehauptung steht neben betroffener Selbstinfragestellung. Es ist stets ein Dazwischen, das sich in der Spannung von stummer Autoreflexivität und beredter Mitteilung zeigt. Wenn die gestischen Konfigurationen- der kreisende Pinselduktus, die nervösen Übermalungen, die kraftvoll-eindeutigen Farbspuren – verbunden mit den Momenten des Zufalls immer wieder zu identifizierbaren Deutungen anstacheln, wenn wir sie als Zeichen auf dem Wege zu einem Gesicht, einer Figur, einem Piktogramm lesen können, so wird das Bild zum Zeichen vor der Figuration.

Es schafft einen Raum zwischen Bedeutungsleere (Geräusch oder Schweigen) und fixierbarer Bennenung. Als "Wortäquivalent im begriffsfremden Stoff" (Gehlen) formuliert es sein eigenes Werden. Es zeigt Freiheit und Gebundenheit und bestimmt sich in der Opposition von "Alles ist möglich" und "Nichts ist erlaubt". Fahrlässige Willkür steht neben fester Disziplin, anarchische Selbstbestimmung neben kultureller Determination. Doch nicht ein Ausgleich oder eine Harmonie wird erstrebt, sondern eine Überschreitung: Die Tatsächlichkeit des Bildes als "Sprache in statu nascendi" behauptet einen Wandel, der hier/jetzt erscheint.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die neuen Bilder von Hans Brosch auch als Reflex auf die momentane Situation der Malerei erkennen. Ihr Zeichenstatus vor der (möglichen) Figuration wirkt mit dem Blick auf die gegenwärtige beherrschende figurative Malerei zugleich wie nach der Figuration.

Denn die Bildgewißheit der neuen erzählenden Bilder, die charakterisiert werden von einer Ästhetik der Verstreuung, wird bei Brosch zurückgenommen und auf ihre Bedingungen überprüft. Dies wirkt wie ein Aufnehmen der Tradition. Und doch scheint sich hier ein neuer Weg anzubahnen, der die Möglichkeiten der Malerei aufreißt und verändernd bestimmt: Nicht mehr Sujets oder Themen entwerfen eine latente Bedeutung, sondern das Bild selbst

wird zum widersprüchlichen Bedeutungsträger, der die Frage nach der Malerei herausfordernd radikalisiert.

 

Wolfgang Max Faust